Buchpreisbindung: Warum Bücher bei Amazon nicht günstiger sind
Bei Amazon lässt sich oft sparen – vor allem bei Elektronik, Haushaltswaren oder Mode. Was Bücher betrifft, ist das allerdings ein weit verbreiteter Irrtum, denn in Deutschland gilt die Buchpreisbindung: Neue Bücher kosten überall gleich viel, bei jedem Anbieter. Was hinter diesem Gesetz steckt, welche Wirkung es hat und was man beim lokalen Buchhändler bekommt, was kein Algorithmus ersetzen kann – darum geht es hier.
Was ist die Buchpreisbindung?
Das Buchpreisbindungsgesetz (BuchPrG), das in Deutschland seit 2002 gesetzlich verankert ist und dessen Tradition zurück ins 19. Jahrhundert reicht, verpflichtet Verlage dazu, für ihre Neuerscheinungen verbindliche Ladenpreise festzusetzen. Dieser Preis muss von allen eingehalten werden, die Bücher an Endkund:innen verkaufen – vom kleinen Buchladen im Veedel bis zum globalen Versandhändler.
Das bedeutet: Ein Buch kostet bei Amazon exakt dasselbe wie beim unabhängigen Buchhändler im Veedel. Kein Cent weniger, kein Cent mehr. Preisnachlässe auf neue, preisgebundene Bücher sind gesetzlich verboten. Einzige Ausnahmen sind Titel, deren Erstveröffentlichung mehr als 18 Monate zurückliegt, sogenannte Mängelexemplare oder fremdsprachige Ausgaben.
Wenig bekanntDie Buchpreisbindung gilt in Deutschland auch für E-Books – neue digitale Titel kosten im Onlineshop genauso viel wie beim lokalen Buchhändler mit eigenem Webshop.
Warum gibt es dieses Gesetz?
Das Buchpreisbindungsgesetz dient laut § 1 BuchPrG ausdrücklich dem Schutz des Kulturguts Buch. Feste Ladenpreise sollen sicherstellen, dass nicht nur Bestseller wirtschaftlich tragfähig sind, sondern auch Nischentitel, wissenschaftliche Werke, Lyrikbände und Bücher kleiner Verlage. Ohne Preisbindung würden Handelsriesen im Preiswettbewerb so stark unterbieten, dass kleinere Buchhandlungen keine Überlebenschancen hätten – und mit ihnen der Vertriebskanal für anspruchsvollere oder spezialisierte Literatur verschwinden würde.
Zwei Studien, die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels 2019 in Auftrag gab, belegen: Die Buchpreisbindung fördert die Existenz eines breiten Netzes an Buchhandlungen, und dieses Netz wiederum stärkt die Nachfrage nach Büchern insgesamt.
Besonders aufschlussreich ist der internationale Vergleich: Nachdem Großbritannien Mitte der 1990er-Jahre die Buchpreisbindung abschaffte, brach die Zahl der unabhängigen Buchhandlungen zwischen 1995 und 2001 drastisch ein – weit stärker als im gleichen Zeitraum in Deutschland. Gleichzeitig konzentrierte sich das Buchgeschäft auf wenige große Ketten und Supermarktketten, die vor allem Bestseller und Schnelldreher führten. Nischentitel, Lyrik und anspruchsvollere Literatur verloren damit wichtige Schaufenster und Fürsprecher.
Ein weiteres Paradox: In Ländern ohne Buchpreisbindung sind Bücher im Durchschnitt teurer, nicht günstiger – weil die Quersubventionierung über ein breites Sortiment entfällt. Laut Götz-Studie stieg der Durchschnittspreis für Bücher in Großbritannien zwischen 1996 und 2018 um 80 Prozent – in Deutschland im gleichen Zeitraum nur um 29 Prozent.
Gleicher Preis, aber nicht gleiche Leistung
Wenn der Preis überall identisch ist, stellt sich eine einfache Frage: Was bekomme ich beim unabhängigen Buchhändler, was Amazon nicht bieten kann?
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Persönliche Beratung
Eine gute Buchhändlerin oder ein guter Buchhändler kennt ihre und seine Kund:innen, deren Vorlieben und Leselücken. Die Empfehlung, die ein Algorithmus nicht geben kann – „Das müssen Sie lesen“ –, kann für Nischentitel entscheidend sein. Annerose Beurich, Buchhändlerin und Vorstandsmitglied des Börsenvereins, brachte es 2019 auf den Punkt: Ein einziger persönlicher Hinweis kann dafür sorgen, dass Titel abseits des Mainstreams überhaupt erst ihren Weg zu Leser:innen finden.
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Schnelle Verfügbarkeit
Viele unabhängige Buchhandlungen können Titel, die bis zum Nachmittag bestellt werden, bereits am nächsten Werktag bereitstellen – häufig schneller als der Versandhandel.
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Kultureller Ort
Unabhängige Buchhandlungen sind Orte der Leseförderung, des literarischen Austauschs und gesellschaftlicher Debatten. Lesungen, Buchclubs, Kinderprogramme – das alles finanziert sich nicht aus dem Buchpreis allein, sondern aus der Treue einer lokalen Kundschaft.
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Stärkung der lokalen Wirtschaft
Jeder Euro, der in einer inhabergeführten Buchhandlung ausgegeben wird, bleibt zu einem wesentlich größeren Teil in der lokalen Wirtschaft als ein Euro, der über einen globalen Versandhändler fließt. Steuern, Mieten, Löhne – all das bleibt im Veedel.
Es ist nicht genug zu wissen, was man lesen soll; man muss auch wissen, was man nicht lesen soll.
— Karl Wilhelm Friedrich SchlegelGute Buchhandlungen helfen bei beidem: Sie empfehlen, was passt – und ersparen, was nicht passt.
Was auf dem Spiel steht
Die Buchpreisbindung ist keine Marktverzerrung – sie ist eine Entscheidung dafür, dass kulturelle Vielfalt unter Marktbedingungen überhaupt möglich bleibt. Wenn unabhängige Buchhandlungen schließen, verlieren Verlage ihren wichtigsten Vertriebskanal für anspruchsvolle und spezialisierte Titel. Wenn dieser Kanal wegfällt, erscheinen weniger solcher Titel. Was bleibt, ist ein Buchmarkt, der zunehmend von Bestsellerlisten und Algorithmen gesteuert wird.
Das belegen die Zahlen: Die Götz-Studie zeigt, dass mehr als die Hälfte des Absatzrückgangs von rund 3,5 Millionen Büchern zwischen 2014 und 2017 direkt auf Buchhandlungsschließungen zurückgeführt werden kann. Der Rückgang wird durch E-Books und Online-Handel nur teilweise aufgefangen.
Fazit: Eine wichtige Wahl
Wer ein Buch bei Amazon bestellt, zahlt nicht weniger – aber gibt damit eine Entscheidung darüber ab, welche Art von Buchhandelslandschaft Deutschland in Zukunft hat. Wer hingegen in einer lokalen, unabhängigen Buchhandlung kauft, bekommt zum selben Preis persönliche Beratung, kulturellen Mehrwert und trägt dazu bei, dass das vielfältige Buchangebot erhalten bleibt.
In Köln gibt es allein 46 unabhängige Buchhandlungen, verteilt über 17 Veedel – jede mit eigenem Profil und Programm.
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